Seitenwind berechnen
Stand: 29.10.2026
Die Seitenwindkomponente ist die Windgeschwindigkeit mal Sinus des Winkels zwischen Wind und Piste. Die Gegenwindkomponente ist die Windgeschwindigkeit mal Kosinus. Bei 40° Winkel und 15 kt Wind sind das knapp 10 kt Seitenwind und gut 11 kt Gegenwind. Vergleiche den Seitenwind mit der demonstrierten Seitenwindkomponente aus deinem Flughandbuch und rechne dabei mit der Böe.
Dieser Artikel ist eine Erläuterung, keine Rechtsauskunft, und ersetzt keine Ausbildung. Maßgeblich sind das Flughandbuch deines Flugzeugs, die aktuellen Wettermeldungen und die Angaben der Flugverkehrsdienste.
Die Formeln
Der Windwinkel ist der Unterschied zwischen der Richtung, aus der der Wind kommt, und der Pistenrichtung. Dann gilt:
Seitenwind = Wind × sin(Windwinkel)
Gegenwind = Wind × cos(Windwinkel)
Ein negativer Gegenwind ist Rückenwind. Das ist ab einem Windwinkel von mehr als 90° der Fall.
Ohne Taschenrechner hilft die Uhrenregel aus den Lernzielen der EASA. 15° Windwinkel ergeben ein Viertel der Windgeschwindigkeit als Seitenwind, 30° die Hälfte, 45° drei Viertel, ab 60° den ganzen Wind. Ab 30° liegt die Regel etwas über dem genauen Wert (sin 45° = 0,71, sin 60° = 0,87), darunter fast genau darauf.
Rechtweisend oder missweisend
Wind und Piste müssen sich auf dieselbe Nordrichtung beziehen. Im METAR steht die Windrichtung rechtweisend, im ATIS missweisend. Die Pistenkennung ist die missweisende Richtung, auf zehn Grad gerundet: Piste 26 liegt etwa auf 260° missweisend. Rechnest du mit dem METAR, rechne die Pistenrichtung mit der Missweisung auf rechtweisend um oder den Wind auf missweisend. Bei den wenigen Grad Ostmissweisung in Deutschland ändert sich jede Komponente um höchstens etwa 1 bis 2 kt.
Der METAR-Wind ist ein Mittel über 10 Minuten, der Wind vom Turm und aus lokalen Meldungen ein Mittel über 2 Minuten. Böen stehen im METAR, wenn die Spitze das Mittel um 10 kt oder mehr übersteigt. Fehlt das „G“, können also trotzdem Böen von fast 10 kt über dem Mittel auftreten.
Demonstrierte Seitenwindkomponente
Bei Flugzeugen, die nach CS-23 oder CS-VLA zugelassen sind, steht im Flughandbuch eine demonstrierte Seitenwindkomponente. Das ist der stärkste 90°-Seitenwind, bei dem Start und Landung in der Erprobung nachgewiesen wurden. Die Bauvorschriften verlangen dafür einen Mindestwert:
- CS-23 (bis Amendment 4): mindestens 0,2 × VS0. Bei einer Überziehgeschwindigkeit in Landekonfiguration von 50 kt sind das mindestens 10 kt.
- CS-VLA (sehr leichte Flugzeuge bis 750 kg): keine unkontrollierbare Ausbrechneigung bei 90°-Seitenwind bis 10 kt.
Der Hersteller darf höhere Werte erfliegen und eintragen. Der Wert steht meist im Leistungsteil oder bei den Betriebsverfahren des Flughandbuchs. Eine Betriebsgrenze ist er nur, wenn der Hersteller ihn im Abschnitt „Limitations“ (Betriebsgrenzen) aufführt. Prüfe das für dein Flugzeug. Teil-NCO nennt selbst keine Seitenwindgrenze.
„Demonstriert“ heißt: Die Testpiloten hatten so viel Wind und kamen zurecht. Es ist keine Zusage, dass du es bei diesem Wind auch schaffst. Leg dir eine eigene Grenze fest, die zu deiner Übung passt, und eine strengere bei Böen oder nasser, schmaler Piste.
Böen
Für den Seitenwind zählt die Böe. Sie bestimmt, wie viel Ruder und Querruder du im ungünstigsten Moment brauchst. Eine amtliche Regel dafür gibt es nicht, die Rechnung mit der Böe ist die vorsichtige Wahl. Für die Start- und Landestrecke darfst du die Böe dagegen nicht als Gegenwind gutschreiben, denn sie kann jederzeit nachlassen. Rückenwind aus einer Böe zählt dagegen voll.
Im Anflug bei böigem Wind addieren manche Piloten die Hälfte des Böenzuschlags zur Anfluggeschwindigkeit, bei 29012G25KT also etwa 6 kt. Das ist keine allgemeine Regel. Es gilt, was dein Flughandbuch vorgibt.
Gegenwind 50 %, Rückenwind 150 %
Für die Start- und Landestrecke ist die Gegenwindkomponente wichtig. Im gewerblichen Luftverkehr mit kleinen Flugzeugen darf höchstens die Hälfte des gemeldeten Gegenwinds angerechnet werden, Rückenwind mindestens mit 150 %. Für Privatflüge nach Teil-NCO ist das nicht vorgeschrieben. Die britische Luftfahrtbehörde hat es Privatpiloten empfohlen. Manche Flughandbücher enthalten diese Faktoren schon in ihren Diagrammen. Lies deshalb nach, ob dein Diagramm den Wind schon gekürzt hat.
Ein reiner 90°-Seitenwind bringt keinen Gegenwind, den du anrechnen kannst. Er kann die Startstrecke sogar verlängern, weil du mit Bremse und Ruder gegenhalten musst. Mehr zur Rechnung im Artikel Start- und Landestrecke berechnen.
Rechenbeispiel
Piste 26 bei 30015G25KT
Ein Flugzeug mit erfundenen Beispielwerten, kein reales Muster: demonstrierte Seitenwindkomponente 15 kt laut Flughandbuch. Die Piste liegt rechtweisend auf 260°. Das METAR meldet Wind aus 300° mit 15 kt, in Böen 25 kt. Windwinkel 300° − 260° = 40°.
| Mittelwind 15 kt | Böe 25 kt | |
|---|---|---|
| Seitenwind (× sin 40° = 0,643) | 9,6 kt | 16,1 kt |
| Gegenwind (× cos 40° = 0,766) | 11,5 kt | 19,2 kt |
- Seitenwind: Mit der Böe sind es 16,1 kt, gut 1 kt über den demonstrierten 15 kt. Mit dem Mittelwind allein wären es 9,6 kt.
- Gegenwind für die Startstrecke: Angerechnet wird nur der Mittelwind, davon 50 %: 11,5 kt × 0,5 = knapp 5,8 kt. Mit diesem Wert liest du das Startstreckendiagramm ab.
- Gegenrichtung, Piste 08 (080°): Windwinkel 220°, der Wind kommt schräg von hinten. Rückenwind mit Böe 19,2 kt × 1,5 = 28,7 kt. Diese Richtung scheidet aus.
Mit der Uhrenregel liegt der Seitenwind aus der Böe bei 40° zwischen der Hälfte (30°) und drei Vierteln (45°), also zwischen 12,5 kt und 18,8 kt. Die Spanne schließt 15 kt ein, hier lohnt die genaue Rechnung.
Hinweise für die Planung
- Prüfe den Seitenwind für jeden Start und jede Landung, auch am Ausweichplatz, zur geplanten Zeit. Der Wind dreht im Tagesverlauf.
- Hat ein Platz mehrere Pisten, nimm die mit dem geringsten Seitenwind, sofern ihre Länge reicht.
- Nach SERA.3225 startest und landest du gegen den Wind, wenn Sicherheit, Pistenanordnung oder Verkehr nichts anderes nahelegen.
- Bei umlaufendem Wind (VRB) kann der Wind aus jeder Richtung kommen. Rechne ihn ganz als Seitenwind und als Rückenwind.
Geschrieben von Sebastian Lemens, Privatpilot im Vereinsbetrieb und Entwickler von VFRplan.
So rechnet VFRplan
VFRplan rechnet für jeden Start und jede Landung die Windkomponenten aus dem Wind am Platz zur geplanten Zeit und der rechtweisenden Pistenrichtung, so wie im Beispiel oben. Für den Seitenwind rechnet die Planung mit der Böe und vergleicht das Ergebnis mit der demonstrierten Seitenwindkomponente aus deinem Flugzeugprofil. Liegt der Seitenwind darüber, gibt es einen gelben Hinweis, im Beispiel: „Seitenwind 16 kt, demonstrierte Seitenwindkomponente 15 kt: 1 kt darüber. Andere Piste oder Startzeit prüfen“. Die Kachel „Seitenwind“ zeigt den größten Wert mit Böen.
Für die Start- und Landestrecke rechnet das voreingestellte Sicherheitsprofil den Gegenwind mit 50 % und ohne Böe, den Rückenwind mit 150 % und mit Böe. Bei umlaufendem Wind setzt VFRplan den ganzen Wind als Seitenwind und als Rückenwind an. Die Piste wählt die Planung gegen den Wind, bei Windstille, umlaufendem Wind oder unter 3 kt die mit der meisten Reserve. Fehlt das Wetter, bewertet VFRplan Seitenwind und Strecken nicht und zeigt sie als offen.